Mehr über Nutritious Movement

"Einer kann den ganzen Tag schauen und dabei doch nichts sehen"

 

Dieses Zitat beschreibt gut, wie ich die aktuelle Sichtweise unserer Gesellschaft auf unsere (orthopädischen) Gesundheitsprobleme beschreiben würde. Jeder rauft sich die Haare und fragt sich, woher seine Beschwerden kommen und "versucht alles" um sie wieder los zu werden. Weil er nicht weiß, wohin er schauen müsste, und was er dort sehen könnte.

Ein Abstecher zu den Bienen

Wer hat den Wortwitz in der Überschrift bemerkt?

 

Wenn mir mein Imkerpate am Anfang meiner "Imkerkarriere" eine Wabe in die Hand gedrückt hat, habe ich vor allem eines gesehen: viele Bienen.

"Ja und was siehst du noch? Siehst du Brut?" "Brut, äh nö, ich glaube auf dieser Wabe ist keine Brut." "Was, du siehst die Stifte nicht?! Kauf dir ne Brille! Da ist alles voll mit Stiften".

So waren die Dialoge damals. Ich wusste einfach nicht, nach was ich schauen musste. Wer nicht weiß, wie Stifte aussehen (das sind winzige Eier, aus denen Maden und dann Bienen werden), sieht sie nicht.

 


Und mit unserem Körper ist es genauso. Solange ich nicht wusste, worauf ich achten kann, war mir vieles ein Rätsel. Zum Beispiel, warum ich nur 1 Minute aufrecht sitzen kann, warum mir nach 2km joggen das linke Knie weh tut, warum schon Kinder Rückenschmerzen haben oder warum so viele Menschen Schulterprobleme bekommen.

Mit Nutritious Movement schaue ich jetzt anders hin, verstehe damit die Ursachen und kann daher auch Lösungswege aufzeigen.

Wer hats erfunden?

Entwickelt hat das ganze Katy Bowman. Getauft hat sie ihr Konzept Nutritious Movement (www.nutritiousmovement.com). 

Sie hat Mathe und Biomechanik studiert und leitete parallel zum Studium Sportkurse. Ihr "biomechanischer Blick" befähigt sie dazu, Menschen zu erklären, was genau sie bei einer Übung falsch machen und wie ihre Haltung und Bewegung zu Schmerzen führt.

Daraus hat sie ein System entwickelt, das uns ermöglicht, menschliche Haltung und Bewegung anhand von Alignment Points, bestimmten Körperstellen, objektiv(er) zu beobachten. Außerdem hat sie Übungen so entwickelt, dass wir damit Körpersegmente/Muskeln bewegen, die von einem mangel-bewegten Körper eher nicht bewegt werden (und wir alle sind mangel-bewegt).

 

Bücher von ihr auf deutsch empfehle ich hier

Ein paar Grundannahmen

Im Folgenden ganz komprimiert dargestellt wichtige Grundannahmen, wenn wir uns über Bewegung, orthopädische Probleme, Haltung, Sport und Gesundheit unterhalten wollen. Diese werden gerne übersehen, sind aber essentiell, um seinen Körper besser zu verstehen!

Belastungsumfang

  • Der Körper passt sich an Belastung an
  • Der menschliche Organismus möchte Energie sparen
  • Daher baut der Körper (oder geht es vom Gehirn aus?) Strukturen zurück, die nicht benutzt werden.

Aus diesen Annahmen folgen so interessante Erkenntnisse wie: Der Körper passt sich genau an die Belastung an, die ich ihm liefere. Ich liefere ihm 8h Sitzen pro Tag, daher kann mein Körper...besonders gut sitzen. Ich biete ihm weiterhin 1h joggen pro Woche. Das bedeutet, mein Körper trainiert Sitzen:Joggen im Verhältnis 56:1. Oha.

 

Ein bisschen Physik

  • Der Körper unterliegt der Schwerkraft
  • Newtonsche Axiome gelten auch für den menschlichen Körper
  • Poissons Gesetz gilt für den menschlichen Körper

Es gibt ja schöne Studien die zeigen, wie gravierend für Astronauten das Fehlen der Schwerkraft ist - sie bauen rapide an Muskelmasse ab (unter anderem). Liegen und Sitzen reduzieren das Training gegen die Schwerkraft ebenfalls. Zwar fangen wir nicht an zu schweben, die Auswirkungen von zu wenig Schwerkrafteinwirkung auf unseren Körper sind aber ganz real vorhanden.

 

Bio-Mechanik

  • Muskeln funktionieren in ihrer optimalen Länge am besten
  • Bringe ich die Ansätze eines Muskels zu nah oder zu weit auseinander, erfüllt er seine Aufgabe schlecht
  • Ein kurzer Muskel ist kein starker Muskel

Nochmal: ein kurzer Muskel ist kein starker Muskel. Das gilt auch für die Bauchmuskulatur! Muskeln die in ihrer optimalen Länge exzentrisch und konzentrisch kontrahieren können, sind stark.

 

Interne Kommunikation

  • Muskeln, die lange nicht benutzt wurden, sind vom Hirn erstmal nicht ansteuerbar (vereinfachende Darstellung, wie alles hier)
  • Der Körper steuert bevorzugt die Muskelgruppen an, die er oft ansteuert, und die ihren Job gut machen

Konkretes Beispiel: Bewege bitte mal nur deinen kleinen Finger. Und nun nur deinen kleinen Zeh. Prinzip klar?

 

Paläo

  • Unsere Gene entsprechen weitgehend denen unserer "wilden" Vorfahren
  • Unser Körper wurde über die gesamte Entwicklungsgeschichte hinweg genug bewegt und ist nun auf Bewegung angewiesen um zu funktionieren
  • Uns fehlt aktuell nicht nur der Umfang der Bewegung (zum Beispiel ca. 8km gehen pro Tag) sondern die Verteilung im Tagesverlauf, als auch viele Arten der Bewegung (zum Beispiel die tiefe Hocke , das letzte Mal benötigt zur Verrichtung einer Notdurft beim Campingurlaub?!)

Gesellschaftlicher Kontext

  • Unsere technischen Entwicklungen bedeuten fast immer auch "weniger Bewegung notwendig"
  • "Still sitzen können" ist in unserer Gesellschaft eine Voraussetzung für Bildung und Karriere
  • Unsere Kleidung verhindert vielfältige Bewegung (siehe mein Projekt Nur Bequemes)
  • Kinder und Erwachsene haben immer weniger Räume um (gesellschaftlich anerkannt) spontan aktiv zu sein
  • Viele denken Bewegung = Sport. Und denken weiter: Sport ist nix für mich, also kann ich mich halt nicht genug bewegen. Dabei würde jede Bewegung zählen!

Richte deine Aufmerksamkeit während Wartezeiten auf die Geräte um dich herum und welche Bewegungen sie dir und anderen abnehmen. Beispiele? Einkaufswagen: Ich muss die Einkäufe nicht tragen. Automatische Schiebetür: Ich muss die Tür nicht aufdrücken. Klingt wie Kleinvieh, macht eben auch Mist, über die Jahre: viel Mist. JEDE BEWEGUNG ZÄHLT!

 

Haltung

  • Gesunde Aufrichtung geschieht. Sie hat nichts mit Spannung, Verkrampfung und Anstrengung zu tun.
  • Hätten wir genug natürliche Bewegung, wäre unser Körper ohne Dazutun in gesunder Aufrichtung
  • der Mensch kann Unangenehmes wie Spannung oder Druck im Körper aus seinem Bewusstsein ausblenden. Das Unangenehme ist konstant da, aber du spürst es nicht (mehr) bewusst.
  • Unser Körper passt sich in seiner äußeren Erscheinung genau an das an, was wir ihm an Bewegung "bieten".

Wenn du viele Stunden am Tag sitzt, hat dein Körper eine "Sitzhaltung" übernommen und bewegt sich so auch durch den restlichen Tag - ohne dass du es merkst.

Sogar Knochen passt sich an Belastung an. Bei Leistungssportler aus den Wurfdisziplinen passen sich nachweislich die Knochen im Wurfarm an die Belastung an...

Ein Buch zu den Auswirkungen des zu langen Sitzens: 

Pipi und Aa im Freien, von Kind 2
Pipi und Aa im Freien, von Kind 2

Für versierte Englisch-Leser hier ein Artikel von Katy Bowman, um unseren Wissenschaftlern, die eben alle auch aus dieser bewegungsarmen Gesellschaft entstammen zu verdeutlichen, wie wichtig es ist, in den Studien zwischen Sport und Bewegung zu unterscheiden.

Download
bowman_Movement vs exercise.pdf
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Der Bauch ist ein Körperteil, das besonders häufig Spannungen beherbergt, ohne dass wir es noch bewusst wahrnehmen. Mehr dazu hier:

https://www.nur-bequemes.de/2018/02/28/die-sache-mit-dem-bauch/


Soviel als Vorgeschmack und als Anstoß für Nachfragen und Diskussionen. Du siehst, der Zustand deines Körpers ist das Produkt aus all diesen Faktoren, und noch einigen mehr. Es bleibt spannend!

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Kontakt

Dr. phil. Silke Schäfer

 

silke@schaefer-gesundheitsfoerderung.de

 

0152 28 66 46 14